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Thomas Stern

 

zum Nach-Denken

                                                            

Reiches Land, arme Kinder - Wenn Hunger wieder zum Alltag wird

Armut in Deutschland? Ein Thema, über das man nicht gerne spricht. Die Politiker nicht, die Betroffenen nicht, wir Mitbürger, nicht. Vielen fehlt das Wissen, anderen verstellen Vorurteile den Blick. Die Politik verdrängt das Thema. Ein Armutsbericht der Bundesregierung wurde jahrelang angemahnt, noch immer aber ist er nicht veröffentlicht.

Vor allem Kinder sind es, die Hunger haben. Tag für Tag, mitten unter uns, in einem der reichsten Länder der Erde. Eric Friedler und Barbara Siebert über Kinderarmut in Deutschland - verborgen, verschwiegen, verdrängt.

B E R I C H T:

Ein Mann und ein Junge in Berlin-Hellersdorf. Der evangelische Pastor Bernd Siggelkow und ein 14-Jähriger. Er sei arm, erzählt uns der Junge, so arm, dass er an manchen Tagen nichts zu essen habe. Und das ist ihm peinlich. Deshalb möchte er unerkannt bleiben. Es ist früher Abend. Auch heute habe er noch nichts gegessen, wieder einer dieser Tage.

O-Ton, Jugendlicher:

    »Es gibt schon Tage, wo wir kein Geld haben, wo meine Mutti auch kein Geld von irgendwo her kriegt oder sich Geld borgen kann, dann haben wir, dann esse ich und meine Geschwister und meine Mutti also am Tage so gut wie gar nichts.«

Der Pastor greift an solchen Tagen zur eigenen Brieftasche - notgedrungen. Doch helfen könne er nicht immer, erzählt Bernd Siggelkow, es würden ständig mehr Kinder, das könne er sich allmählich nicht mehr leisten. Hunger bei Kindern sei Alltag in diesem Bezirk. Ein quälendes Gefühl, so der Pastor, das viele Deutsche wohl nur noch in der Dritten Welt vermuten.

O-Ton, Bernd Siggelkow, Evangelische Freikirche Hellersdorf:

    »Bei der Menge von Kindern, die hier leben, in diesem Stadtbezirk und auch in dieser Stadt, gibt es ohne Übertreibung Hunderte, vielleicht Tausende von Kindern, für die er einer ist, der ausgesprochen hat, was in ihnen vorgeht, die es aber nicht tun würden.«

O-Ton, Jugendlicher:

    »Das ist ein komisches Gefühl, ich kann es nicht beschreiben. Mein Magen knurrt so, so eine innere Leere so. Ich weißnicht recht, wie ich das beschreiben soll.«

Frage: Was machst du dann so, wenn nicht genug zum Essen da ist?

O-Ton,Jugendlicher:

    »Schlafe ich zum großen Teil, tue Fernsehen gucken, halt mich einfach ablenken.«

So wie dieser Junge haben sich auch viele andere Pastor Siggelkow anvertraut. Er kennt das Leid aus eigener Erfahrung, ist er doch selbst in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen. Nun möchte er endlich jeden Tag eine warme Mittagsmahlzeit für hungrige Kinder anbieten. Auf offizielle Hilfe kann er bislang noch nicht bauen.

Gibt es in Deutschland tatsächlich hungrige Kinder, die versorgt werden müssen? Eine offizielle Statistik darüber, wie viele Kinder in Deutschland an Hunger leiden, existiert nicht. Nur Einzelfälle? Wir fragen nach beim Kinderschutzbund.

O-Ton, Heinz Hilgers, Präsident Deutscher Kinderschutzbund:

    »Leider sind es nicht nur Einzelfälle, sondern es sind immer mehr Kinder aller Altersgruppen, vom Baby bis zum Jugendlichen, die von diesem Problem der Kindervernachlässigung, nämlich, nämlich des Hungers, betroffen sind. Und es wird höchste Zeit, dass Politik und Gesellschaft reagieren, und dass vor allem diejenigen unterstützt werden in ihren Einrichtungen, die etwas dagegen unternehmen.«

Das Problem macht sich offenbar auch in kleineren Städten bemerkbar, etwa in Oldenburg. Der Verein “Oldenburger Tafel” sammelt übrig gebliebene Lebensmittel und verteilt sie an Bedürftige. So auch an der Grundschule Kreyenbrück. Die zuständige Schulärztin stellte Er- schreckendes fest: Hier gibt es Kinder, die nicht genug zu essen bekommen. Auffällige Symptome: Augenflimmern, Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsmangel. Seitdem erhalten die Schüler jeden Morgen Brot. Die Lehrer erkannten die Notlage und fanden eine pragmatische Lösung, auch wenn sie damit bei Behörden und Mitbürgern auf Unverständnis stießen.

O-Ton, Detlef Petrick, Schulleiter Grundschule Kreyenbrück:

    »Anlässlich unserer Mitgliedschaft - das ganze Kollegium der Schule ist Mitglied geworden in der “Oldenburger Tafel” - haben wir also einen Pressebericht gehabt, woraufhin wir in der Schule, aber auch die “Oldenburger Tafel” sehr erstaunte, teilweise auch sehr erregte Anrufe bekommen haben, dass das hier eigentlich nicht stimmen würde, was wir hier machen, dass Kinder also nichts zu essen hätten, das gäbe es nicht in Deutschland. Und wir sehen aber jeden Tag das Gegenteil.«

Hungrige Kinder in einem Land mit vollen Supermärkten. Dafür kann es viele Gründe geben. Vernachlässigung und Zeitmangel spielen eine Rolle, doch oft kommen bedürftige Familien mit der geringen Sozialhilfe oder anderer Unterstützung nicht zurecht. Dann reicht es ab dem 20. des Monats noch nicht einmal mehr für Nudeln oder Brot. Andere leben am Existenzminimum oder sind hoch verschuldet. Am Essen wird dann meist zuerst gespart.

In Frankfurt versucht ein Projekt den Hunger von Kindern zu bekämpfen, bevor er entsteht. Eine Familienbetreuerin geht regelmäßig mit jungen Frauen einkaufen. Diese junge Mutter dreier Kinder hat wenig Geld, lebt von staatlicher Unterstützung, ihre Kinder allerdings hungern nicht. Es wäre falsch, allein den Müttern die Schuld für das Problem Hunger zu geben, dennoch ist der Einkauf mit dem knappen Haushaltsgeld zumeist Frauensache. Und dabei, so erzählt uns die junge Frau, habe ihr die Familienbetreuerin sehr geholfen.

O-Ton, Familienbetreuerin:

    »Aber wir haben jetzt schon eine ganze Weile eingekauft hier. Wir haben auch geschaut, dass Sie nicht nur Süßes haben für die Kinder, sondern was richtig gut für die Zähne ist, das haben Sie sehr gut gemacht. Vor allem, weil ich sehr gut finde, dass sie Obst eingekauft haben, Getränke eingekauft haben ohne Zucker, dass Sie da sehr drauf achten.«

Wer allein auf Sozialhilfe angewiesen ist, lebt mit dem absoluten Existenzminimum. Ein 7-jähriges Kind muss dann von rund 4,50 Mark am Tag ernährt werden. Ein nahezu unlösbares Rechenkunststück. Hilfe wie in Frankfurt erhalten nur wenige.

Zurück nach Berlin-Hellersdorf. Von einem Projekt wie in Frankfurt kann Pastor Siggelkow nur träumen. Wie solle er in die Familien gehen, fragt er, wenn er noch nicht einmal die Möglichkeit habe, den unmittelbaren Hunger der Kinder zu lindern. Und so baut er weiter an einer Küche in der Hoffnung, irgendwann in seiner Gemeinde täglich warmes Essen anbieten zu können.

O-Ton, Bernd Siggelkow, Evangelische Freikirche Hellersdorf:

    »Definitiv bekommen wir kein Geld dafür, um den Hunger der Kinder zu stillen. Das haben wir erkannt, und da gehen wir dagegen vor mit allen Mitteln, die wir haben. Auch wenn wir keine Mittel haben, versuchen wir das irgendwie lösbar zu machen das Problem.«

Der nächste Morgen, Konrad-Lorenz-Hauptschule in Berlin. Zusammen mit der Heilsarmee steht Bernd Siggelkow auf dem Schulgelände und verteilt Essen. Die Direktorin der Schule begrüßt die Maßnahme, sie weiß um das Problem Hunger bei ihren Schülern. Siggelkow kennt viele der Kinder seit Jahren, der Umgang ist locker, als ob nichts wäre. Und davon, dass die Jugendlichen so coole Klamotten tragen, sollen wir uns nicht täuschen lassen.

O-Ton, Bernd Siggelkow, Evangelische Freikirche Hellersdorf:

    »Sicherlich sind einige dabei, denen es wirklich gut geht. Aber durch die Kleidung verdeckt man natürlich auch oft, was in einem steckt oder das, was im Hintergrund ist, nämlich die Armut. Das spielt man gerne über und man sieht aber auch an dem Hunger der Kinder, dass sie wirklich Hunger haben.«

München, Stadtteil Am Hasenbergl, sozialer Brennpunkt der sonst so reichen Stadt. Die “Münchner Tafel” beliefert die Jugendeinrichtung Abix. So manches Produkt ist kurz vor dem Verfallsdatum. Hier wird täglich für 80 hungrige Kinder gekocht - kostenlos. Spenden machen es möglich, städtische Unterstützung gibt es dafür nicht. In diesem großen Stadtviertel ist dies ein Tropfen auf dem heißen Stein. Der Bedarf, so sagt man uns, sei größer. Es fällt auf, dicke Kinder gibt es hier kaum. Klein und schmächtig wirken die meisten.

O-Ton, Volker Böhm, Sozial-Jugendeinrichtung Abix:

    »Wir haben Kinder, die kommen, sind ausgehungert, das ist ganz klar. Und das sind relativ viele Kinder, man glaubt nicht wie viele. Das muss man gesehen haben. Kein statistisches Material. Wir haben keine Zeit, Statistiken zuführen.«

Von hier aus werden auch die Familien der Kinder mit Nahrung versorgt. Was von den angelieferten Lebensmitteln nicht direkt in die Töpfe wandert, wird von den Kindern mit nach Hause genommen. Manchmal kommen auch Kinder, die man hier sonst nicht sieht. Einmal in der Woche füllt Volker Böhm eine Tüte nach der anderen. Die Kinder schleppen volle Taschen nach Hause, der Andrang ist groß und ohne unsere Kamera, so sagt man uns, wären noch viel mehr Kinder hier.

O-Ton, Volker Böhm, Sozial-Jugendeinrichtung Abix:

    »Wer hierher kommt und die abholt, ich meine, die genieren sich ja auch. Und wer diese Scham überwindet, in aller Öffentlichkeit zum Beispiel solche Dinge oder in der Nachbarschaft solche Dinge abzuholen oder vor seinen Freunden, der braucht es wirklich.«

Pastor Siggelkow weiß, dass es viele Gründe gibt, warum Kinder Hunger haben, doch für ihn ist es nicht die Zeit, über Theorien zu diskutieren. Die Kinder brauchen Essen - jetzt. Vor der Not im eigenen Land, so Siggelkow, dürfe keiner die Augen verschließen.

Quelle: Südwestfunk “Report” www.swr.de                                                                              

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