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Gedanken über ...
den Tod eines Bruders
aus dem Tagebuch im Jahre 2000, über den Tod meines Bruders Christian Stern 23.12.1963-18.07.2000, die ersten drei Tage...
Einleitung
Ein wunderbar sonniger Dienstagmorgen. Die Sonne lacht und scheint ins Zimmer, die Musik spielt freudige Melodien und ich denke so bei mir, ob Christian sich gestern abend wohl mit Daniela getroffen hat, die Sonntags neben mir einen Stand auf dem Flohmarkt hinterm Rathaus Schöneberg betreibt. Christian war sofort von ihr angetan, es sei genau sein Typ, herb, markant, frech und fordernd. Er wollte sie wohl gestern, am Montag anrufen, um sich mit ihr zu verabreden. Er wisse noch nicht genau, ob er anruft sagte er noch morgens. Er hatte die Nacht von Sonntag auf Montag bei mir geschlafen. Ich wünschte ihm viel Freude für das Treffen und fragte noch, ob ich etwas für ihn tun könne. “He Thomas, Du weißt doch selbst wie das ist, wenn man “aussteigen” will ... also. Ich wünsche Dir noch nen schönen Tag.” Das waren seine letzten Worte, die ich von ihm hören sollte. Ich schickte ihn mit den Worten “Mach’s gut Christian” in den Tag und dann ging er die Treppen runter ... Am nächsten Tag (sein Todestag) schickte ich ihm dann um 09.30h eine SMS:
“hi, na wie geht´s? haste daniela gestern gesehen? - have a nice day - thomas.”
Etwa eine halbe Stunde später klingelte mein Handy und ich dachte, es wäre mein Bruder Christian, doch es meldete sich jemand anderes ...
Dienstag 18.07.2000 - sein Todestag -
Etwa gegen 10.00 Uhr ruft mich ein Dr. Gödecke an, aus dem Unfallkrankenhaus in Berlin-Marzahn. In welchem Grad ich zu Christian Stern stehen würde? Ich bin sein Bruder, was ist mit ihm? Er hat versucht sich das Leben zu nehmen und sich gestern abend (MO 17.07.2000) mit Benzin übergossen und angezündet!
Ich konnte es nicht fassen, so´ne scheiße. Ob er Suizid gefährdet war fragt der Arzt? Ja, das war er, aber er war auch guter Dinge, als er gestern von mir ging, Montag morgen gegen 9.30h. Schweigen. .... Gott, Christian, warum nur? Du wolltest doch leben, heute am Dienstag hättest du eventuell einen neuen Job bekommen, über 1000 Büroräume mit Möbeln ausstatten bis Ende Dezember oder so. Warum nur? Ich weine und begreif es nicht so richtig, er liegt auf der Intensivstation, 90% seiner Haut sind verbrannt, er wird heute – Dienstag - oder morgen “einschlafen”, sagt Herr Gödecke. Ich kann’s nicht fassen, ich weine und weiß nicht ein noch aus, ich sage zu, daß ich komme. Aber ich habe Angst alleine hinzufahren, ich habe Angst ihn verbrannt zu sehen, ich hab doch noch nie eine Leiche gesehen – nicht mal meine Mutter damals als sie 1975 gestorben ist. Gott Dicki, warum nur?
Carmen (eine Freundin aus Wessiland) schickt ein Fax, das sie ein ganz bestimmtes Buch für Christian hätte, das ihm helfen könne (“Verlorene Kindheit” Jungen als Opfer sexueller Gewalt) – ich rufe sie an und sage ihr das er das Buch nicht mehr braucht – er liegt im Sterben ... – Gott, Thomas nein, fahr hin, er wird nicht sterben! Doch Carmen, das wird er. Der Arzt sagt 90% etc. ... er wird sterben. Heute oder morgen!
Ich rufe bei der Taxi-Innung an und lasse meinen Vater über Funk ausrufen, leider erfolglos, er meldet sich nicht. Sie brauchen die Konzessionsnummer. Also rufe ich bei Scheibe an, seinem Chef, scheiße nur der AB. Dann rufe ich bei Daddy an, (er wohnt ca. 10 km außerhalb Berlins) er ist zu Hause, sie haben diese Woche Urlaub – Er begrüßt mich mit den Worten, “Ach lebst ja auch noch!” – Oh Gott, weiß er, was er da sagt?
Ja, sage ich, aber dein Sohn liegt im Sterben, welcher fragt er? So´ne Scheißfrage, ich werd’s wohl nicht sein, also Dicki! Wir verabreden uns vor dem Krankenhaus in Marzahn. Ich esse zwei Brote, trinke einen Café und fahre los. Zeit 11.15h.
Unterwegs begegne ich...
Mittwoch 19.07.2000 - 01.11h nachts
Ich kann nicht aufhören an ihn zu denken.
Nach dem Krankenhaus bin ich gestern nach Hause, da hab ich einen halben Börek gegessen, mit Schafskäse, dabei die BZ geblättert, aber es stand nichts über ihn drin. Danach einen Café und dazu die Musik aus “Gladiator”. Gegen 17.20 hab ich mich hingelegt, aber ich konnte nicht schlafen, die Zahnschmerzen fingen wieder an, sich bemerkbar zu machen. Nehme 2 Aspirin und versuchs noch mal, keinen Zweck, also rauche ich eine Zigarette und schau aufs Handy, war immer noch auf stumm geschaltet. Daddy und Carmen haben angerufen. Ich rief wenigstens Daddy zurück, er wollte nur reden, hat sich mit Gartenarbeit abgelenkt (sie bewohnen ein kleines Fertighaus, südlich von Bernau, mit Garten. Das Grundstück wurde Renate nach der Wende Rückübereignet. Totales Brachland, seit dem Krieg wurde dort nichts mehr gemacht, man sah sogar noch Mauerreste des alten Hauses, alles komplett von Pflanzen überwuchert) und er konnte es eigentlich immer noch nicht fassen, was passiert ist. Er hat sich Dicki ja nicht noch mal angeschaut, er wollte ihn so in Erinnerung behalten, wie er ihn das letzte mal im Frühjahr gesehen hat. Ich erzählte noch kurz von dem Telefonat mit der Polizei und wir verblieben so, daß ich mich morgen melde, wenn die sich wieder bei mir gemeldet haben. Danach bin ich spazieren gegangen 18.30, ich konnte einfach nicht zu Hause bleiben, ich mußte laufen, einfach nur laufen.
Christian Christian Christian – ich weine und sehe immer wieder das Bild vor mir, wie du so daliegst, der ganze Körper verbrannt, die Ohren ganz klein, die Augen geschwollen und zu, Blut läuft an den Seiten raus, bzw. es war schon geronnen und der Beatmungsstöpsel steckt noch in deinem mund. Die Haare ganz schwarz und kraus, die Haut blättert sich über all und teilweise sind große rote Stellen zu sehen, der ganze Körper aufgedunsen, ich kann es nicht fassen – er ist tot – einfach tot!
Als ich seinen Arm berührt habe,...
Donnerstag 20.07.2000 - 03:42h
Ich war heute in deiner Wohnung. Als ich die Wohnung betrat...
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Christian, mein Lieber, grüß mir unsere Mutter und sage ihr, das ich ihr verziehen habe.
Ich rauche jetzt noch eine und versuch dann zu schlafen.
Alles Liebe für dich
Dein Bruder Thomas
... Mach’s gut mein Lieber ...

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