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Der Zauber einer Umarmung
Umarmungen, vielen so selbstverständlich wie anderen das Hände reichen. Doch auch vielen etwas selten erlebtes. Es gibt die Umarmungen in der Familie, die allein schon hierbei sehr unterschiedlich sind. Wer erinnert sich nicht daran, so manches Mal sich eher sträubend drücken zu lassen, von der Tante aus Buxtehude oder der Oma aus Pasewalk. Innerhalb der Familie gibt es Umarmungen des Herzens und ebenso auch der Routine. Die Mutter umarmt ihre Kinder und hält ihr Liebstes in Arm, ihr ein und alles. Dabei fließt die Liebe ihres Herzens zum Kinde über. Das Kind selbst nimmt dies gerade in jungen Jahren sehr bewußt wahr und fühlt sich geborgen und getragen von der Liebe der Mutter. Der Vater läßt schon eher mal seinen Vaterstolz einfließen, auch diese wohltuende Energie wird vom Kinde wahrgenommen. Dann gibt es die Freundschaftsumarmungen, die meist von wohlwollender und auch liebevoller Weise sind. Es gibt Mädchenumarmungen, Jungenumarmungen, Teamumarmungen, Triumphumarmungen, etc.
All diese Umarmungen sind gewohnte Umarmungen, um die man nicht bitten muß und die man gerne vollzieht, na ja, ausgenommen vielleicht die von der Tante aus Buxtehude oder so ... aber ernsthaft, wir erleben in den meisten Fällen gewohnte Umarmungen, die uns auch gut tun.
Doch es gibt auch Umarmungen, die weniger selbstverständlich sind und einen wahren Zauber entfalten können.
So ist man z.B. schon längere Zeit mit jemandem in Kontakt, ohne ihn oder sie jemals in den Arm genommen zu haben. So kann es geschehen, daß sich die Umstände derart ergeben, daß es doch unerwarteter Weise zu einer Umarmung kommt. Mag sein, der Kontakt war bisher eher oberflächlich, dennoch freundlich und zugewandt, aber eben nicht in die Tiefe der eigenen Gefühlswelt gehend. Irgendwie scheint man eher etwas zurückhaltend oder scheu zu sein, aus Angst vielleicht nicht angenommen zu werden oder für schwach gehalten zu werden. Befindet man sich nun in einer betrübten Stimmungslage, dann fällt es bei einem eher nur freundlichen Kontakt schwerer sich zu zeigen, wie man fühlt, denn man möchte vielleicht keine Schwäche zeigen oder sein nicht gut drauf sein preisgeben. Doch wenn man sich entschließt, sich zu öffnen und einfach mal direkt sagt, daß es einem nicht gut geht und auch noch anführt, warum man betrübt ist, dann kann einem der Zauber einer Umarmung begegnen. Dies geschieht dann, wenn man es gewagt hat sich ehrlich zu zeigen und dieses sich öffnen bei dem anderen etwas bewegt, nämlich denjenigen in den Arm zu nehmen. Der andere spürt auf einmal eine neue Art der Verbundenheit als menschliches Wesen, als fühlendes und empfindsames Wesen. Dieser Moment ist sogar befreiend, denn er befreit einen von der eigenen Vorstellung, man stünde relativ alleine da mit seinem Empfinden. Leider ist es ja oft so, das man im betrübten Zustand oft denkt, anderen ginge es nicht so, denn sie lachen und sind guter Dinge, so zumindest scheint es. Und in genau so einem Zustand unverhofft in den Arm genommen zu werden ist dann ein wahrer Zauber, der das ganze Sein durchströmt. Es fließt eine ungewohnte Energie durch den Körper, mehr noch, sie umgibt einen förmlich und hüllt einen ein, trägt einen und wärmt das Herz auf sonderbare Weise. Fast meint man dann gar, so eine Umarmung das erste Mal erlebt zu haben, so wundersam ist sie. Das Herz geht einem auf und es lacht und freut sich, dabei spiegelt sich diese Freude deutlich im Gesicht, dessen vorher angespannte Züge sich so wohltuend entspannen und der Lebensfreude weichen. Welch Balsam für die Seele.
Nach solch einer Umarmung verändert sich auch auf wundersame Weise die Beziehung zu dem anderen. So wird sie doch jetzt von einer Herzensverbindung getragen, von dem Gefühl nicht mehr allein zu sein in seinem Empfinden, sondern einem wahren Mitmenschen begegnet zu sein. Das Gefühl der Verbundenheit kommt dem Gefühl einer Familienzugehörigkeit gleich, da man nun fühlt, daß beide ähnliches bis gleiches erleben und diese Erkenntnis verbindet, läßt spüren das es keine wirklich Trennung mehr gibt, sondern man im gleichen Meer der Gefühlswelten und des Erlebens schwimmt, wie der andere.
Nun stelle man sich vor, wie es wäre wenn sich zwei in einem Streitgespräch befänden und währenddessen kurz innehielten, um sich einfach mal in den Arm zu nehmen. Mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit würde das Gespräch danach einen anderen Verlauf nehmen. Sei es, daß sich die Wortwahl verändert, sei es, daß man auch ganz und gar innehält und sich fragt, was man da eigentlich tue? Eben noch befand man sich im Zwist mit dem anderen und jener schien als “Gegner“, so wie man es eben im Kopf hat mit seinen Vorurteilen, bzw. Schablonen vom Andersdenkenden und entsprechend agiert. Doch nun hat sich etwas verändert, man hat den anderen gespürt, ihn gar gefühlt und siehe da, es ist ein Mensch genau wie man selbst. Worum ging es eigentlich bei dem Streit eben? Diese Frage ist jetzt beinahe nebensächlich geworden, denn man ist immer noch von dem Zauber der Umarmung umhüllt, der zu einer wundersamen Wandlung führte.
Wie wäre es wohl, während eines Streitgespräches den anderen einfach zu umarmen? Einfach so, mittendrin, den anderen damit überraschen, um zu erleben, was es bewirkt. Wäre doch einen Versuch wert, oder? Vielleicht versucht es ja der eine oder andere mal bei Gelegenheit.
Oder wie verhält es sich im Krieg, wenn Soldaten sich gegenüberstehen, um einander zu verletzen, zu töten? Wie wäre es wohl, wenn der eine sein Gewehr niederlegt und den noch Feind umarmt? Könnte der dann immer noch auf den anderen anlegen und schießen wollen? Müßte er nicht das Gefühl haben, auf seinen eigenen Bruder zu schießen?
Man erinnere sich an eine Sequenz aus dem Film “Hunde wollt ihr ewig leben“, als für kurze Zeit Waffenstillstand ausgerufen wurde und sich russische + deutsche Soldaten um ein Klavier sammelten, um dem Klavierspielen eines Pianisten zu lauschen. Die Musik hat die Herzen aller verbunden und dann sollten sie sich wieder als Feinde betrachten. Das war sicherlich für einige schwer, sich aus der eben noch erlebten Verbundenheit zu lösen und in die Trennung zu begeben, indem der andere nicht mehr als jener gesehen wird, der die gleiche Musik liebt, sondern als der ungeliebte Feind, den es zu töten gilt. Ob da womöglich der eine oder andere Finger am Abzug zögerlich wurde? Wir wissen es nicht, doch erahnen läßt es sich, wenn man sich in diese Situation hineinbegibt, mit dem mitfühlenden Herzen.
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der Traveller
November 2008
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