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Botschaften
Heilung von Auschwitz und Mengeles Experimenten
Ansprache der Präsidentin des Verbandes von Überlebenden "Children of Auschwitz-Nazi's Deadly Lab Experiments Survivors" (C.A.N.D.L.E.S.), Eva Mozes Kor, anlässlich der Eröffnung des Symposiums "Biowissenschaften und Menschenversuche an Kaiser-Wilhelm-Instituten – Die Verbindung nach Auschwitz". Berlin, am 7. Juni 2001
Von Eva Mozes Kor
Liebe Mit-Überlebende, lieber Herr Dr. Markl, liebe Frau Dr. Sachse, liebe Ärzte, Wissenschaftler, Forscher und Gäste.
Vor 75 Jahren war ich ein menschliches Versuchskaninchen in Auschwitz. Es wurde viel unternommen, damit wir im Kaiser-Wilhelm-/ Max-Planck-Institut sein können, im Institut, das für unsere Experimente verantwortlich war. Ich danke Ihnen, dass Sie dieses Symposium abhalten. Ich hoffe, wir können alle aus der Vergangenheit lernen und anfangen, unseren Schmerz zu heilen.
Vor zwanzig Jahren begann ich, über die anderen Mengele-Zwillinge nachzudenken und aktiv nach ihnen zu suchen. Von diesem Zeitpunkt, als ich bis zu dem Moment unserer historischen Reise nach Auschwitz und dem Scheinprozess in Jerusalem im Jahr 1985, verschickte ich auf der Suche nach meinen Mit-Überlebenden fast 12 000 Briefe. Mit der Hilfe meiner inzwischen verstorbenen Schwester, Miriam Mozes Zeiger, schafften wir es, bis 1984 insgesamt 122 überlebende Einzelpersonen der Zwillingsexperimente ausfindig zu machen.
Ich kümmere mich sehr um die Mengele-Zwillinge. Obwohl ich Gründerin und Präsidentin von C.A.N.D.L.E.S. bin, betrachte ich mich nicht als Sprecherin für alle Zwillinge. Ich spreche heute nur für mich selbst. Ich weiß, dass einige meiner Mit-Überlebenden meinen Vorstellungen nicht folgen. Aber wir sind alle hier, um aufrichtig zu sein, die Wahrheit zu hören und aus diesem äußerst tragischen Kapitel der Menschheits- geschichte zu lernen.
Meine Rede besteht aus zwei Teilen: 1. Wie ich Auschwitz überlebte und wie ich mich als kindliches Versuchskaninchen in Mengeles Labor fühlte. 2. Die Lehren, die ich aus dieser Tragödie gezogen habe.
Es war im Morgengrauen an einem Frühlingstag des Jahres 1944, als ich in Auschwitz ankam. Unser Zug mit den Viehwaggons hielt plötzlich an. Ich hörte draußen deutsche Stimmen Befehle brüllen. Wir waren wie Sardinen in unserem Viehwaggon gezwängt, und, was noch schlimmer war als das Gedränge der Körper: Ich konnte nichts sehen außer einem kleinen Fleck grauen Himmels durch den Stacheldraht vor dem Fenster.
Unsere Familie bestand aus meinem Vater, 44 Jahre alt, meiner Mutter, 38 Jahre alt, meiner ältesten Schwester Edit, 14 Jahre alt, meiner mittleren Schwester Aliz, 12 Jahre alt, und Miriam und mir, wir waren erst zehn Jahre alt.
Sobald wir auf den zementierten Bahnsteig hinaustraten, packte meine Mutter meine Zwillingsschwester und mich an der Hand, weil sie hoffte, uns so irgendwie zu beschützen. Alles ging ganz schnell. Als ich mich umschaute, merkte ich plötzlich, dass mein Vater und meine beiden älteren Schwestern verschwunden waren - ich sah keinen von ihnen jemals wieder.
Als Miriam und ich uns an die Hand meiner Mutter klammerten, eilte ein SS-Mann vorbei und rief: "Zwillinge! Zwillinge?" Er blieb stehen und schaute meine Zwillingsschwester und mich an, weil wir gleich gekleidet waren und uns sehr ähnlich sahen.
"Sind das Zwillinge?", fragte er. "Ist das gut?", fragte meine Mutter. "Ja", nickte der SS-Mann. "Ja, sie sind Zwillinge", sagte meine Mutter.
Ohne Warnung oder Erklärung riss er Miriam und mich von Mutter weg. Unser Schreien und Flehen traf auf taube Ohren. Ich erinnere mich daran, wie ich zurückschaute und sah, dass meine Mutter ihre Arme voller Verzweiflung ausstreckte, während sie von einem SS-Soldaten in die entgegengesetzte Richtung gezerrt wurde. Ich kam nicht dazu, ihr "Auf Wiedersehen" zu sagen, und ich kam niemehr dazu, denn dies war das letzte Mal, dass wir sie sahen. All das dauerte dreißig Minuten. Miriam und ich hatten keine Familie mehr. Wir waren ganz allein. Wir wussten nicht, was mit uns geschehen würde. Das alles wurde uns angetan, weil wir als Jüdinnen geboren waren. Wir verstanden nicht, warum das ein Verbrechen war.
Wir kamen zu einer Gruppe von etwa acht Zwillingspärchen und warteten unter SS-Bewachung am Rand der Eisenbahngleise. Acht weitere Zwillingspärchen und eine Mutter kamen noch zu unserer Gruppe dazu.
Wir wurden zu einem riesigen Gebäude gebracht und erhielten den Befehl, uns nackt auf Bänke zu setzen, während unsere Kleidung weggebracht wurde. Es war spät am Nachmittag, als unsere Kleidung zurückkam. Auf dem Rücken war ein großes rotes Kreuz aufgemalt. Dann begann unsere Behandlungstortur.
Als ich an die Reihe kam, war ich entschlossen, ihnen nicht zu erlauben, mir etwas anzutun, was immer sie auch vorhatten, und ich wehrte mich. Als sie meinen Arm packten, um ihn zu tätowieren, begann ich zu kreischen, zu treten und zu zappeln.
Vier Leute - zwei SS-Männer und zwei weibliche Gefangene - hielten mich fest, mit all ihrer Kraft, während sie einen stiftartigen Apparat erhitzten, bis er rotglühend war. Dann tauchten sie ihn in Tinte und brannten Punkt für Punkt in Großbuchstaben die Nummer A-7063 in mein Fleisch.
Wir wurden in eine Baracke voller Mädchen gebracht, Zwillinge im Alter von ein bis dreizehn Jahren. Kurz nach unserer Ankunft liefen alle zum Barackeneingang, wo das Abendessen ausgeteilt wurde. Das Essen bestand aus einer sehr dunklen, etwa sechs Zentimeter dicken Scheibe Brot und einer bräunlichen Flüssigkeit, die sie Kaffee nannten. Miriam und ich schauten uns an, und obwohl wir seit vier Tagen nichts zu essen und zu trinken bekommen hatten, bestand bei uns kein Zweifel, dass wir das Brot nicht essen konnten, weil es nicht koscher war.
Als wir unsere Portionen den beiden Mädchen anboten, die uns alles zeigten, griffen sie danach, ehe wir unsere Meinung ändern konnten. Sie lachten über unsere Unwissenheit und sagten: "Miriam und Eva, hier könnt ihr keine Ansprüche stellen. Ihr müsst lernen, alles zu essen, wenn ihr überleben wollt."
Nach dem Abendessen erklärten die beiden Mädchen uns alles im Lager. Damals erfuhren wir von den riesigen rauchenden Kaminen und den lodernden, hoch über sie hinausschlagenden Flammen. Wir hörten von den zwei Gruppen von Leuten, die wir auf der Selektionsrampe gesehen hatten, und was mit ihnen geschehen war. Wir erfuhren, dass wir nur deshalb noch am Leben waren, weil Dr. Mengele uns für seine Experimente verwenden wollte.
Es war spät am Abend, als Miriam und ich uns auf die unterste Pritsche im Stockbett zum Schlafen legten. Ich konnte nicht einschlafen, obwohl ich körperlich erschöpft und geistig ausgelaugt war. Als ich mich hin- und herwälzte, bemerkte ich, dass sich etwas Großes und Dunkles auf dem Boden bewegte. Ich begann zu zählen - eins-zwei-drei-vier ... fünf .... Ich sprang von meinem Pritschenbett auf und kreischte "Mäuse, Mäuse". Ich hatte immer Angst vor Mäusen gehabt, wenn sie mir auf unserem Bauernhof in Siebenbürgen über den Weg gelaufen waren.
"Das sind keine Mäuse, das sind Ratten. Du wirst Dich an sie gewöhnen müssen, weil sie überall sind", schrie eine Stimme von der obersten Pritsche des Stockbetts.
Ehe ich wieder versuchte zu schlafen, gingen Miriam und ich zur Latrine am Ende der Baracke. Auf dem schmutzigen Boden lagen die Leichen von drei Kindern. Ihre Körper waren nackt und ausgemergelt, und ihre weit aufgerissenen Augen starrten mich an. Da wurde mit klar, dass dieses Schicksal auch Miriam und mir drohte, wenn ich nichts dagegen unternahm, um es zu verhindern. Also fasste ich einen stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht liegt, um zu verhindern, dass Miriam und ich auf diesem dreckigen Latrinenboden enden."
Von diesem Augenblick an konzentrierte ich all meine Anstrengungen, all meine Fähigkeiten und mein ganzes Dasein auf eine Sache: Überleben.
In unserer Baracke kuschelten wir uns, alles Kinder, in unsere schmutzigen Betten, in denen es von Läusen und Ratten wimmelte. Wir hungerten nach Essen, hungerten nach menschlicher Zuwendung und hungerten nach der Liebe unserer Mütter, die wir einmal hatten. Wir besaßen keine Rechte, aber wir waren wild entschlossen, noch einen weiteren Tag zu leben - noch ein weiteres Experiment zu überleben. Keiner erklärte uns irgend etwas, und niemand versuchte die Gefahren zu verringern, denen unser Leben ausgesetzt war. Ganz im Gegenteil: Wir wussten, dass wir als Versuchsobjekte ausgesucht worden waren, und wir waren völlig der Gnade der Nazi-Ärzte ausgeliefert. Unser Leben hing nur von den Launen der Ärzte ab.
Nichts auf der Welt kann einen Menschen auf einen Ort wie Auschwitz vorbereiten. Als Zehnjährige wurde ich einer besonderen Gruppe von Kindern zugeteilt, die von Dr. Josef Mengele als menschliche Versuchskaninchen verwendet wurden. Ungefähr 1500 Zwillingspärchen wurden von Mengele für seine tödlichen Experimente eingesetzt. Es wird geschätzt, dass weniger als 200 Einzelpersonen überlebten.
In Auschwitz lebten wir ein emotional isoliertes Dasein. Während all der Zeit, die ich in Auschwitz verbrachte, sprachen Miriam und ich nur wenig miteinander. Alles, was wir uns gegenseitig sagen konnten, war: "Pass auf, dass Du nicht krank wirst!" und "Hast Du noch ein Stück Brot?" Ich brauchte jedes Quäntchen meiner Energie, um noch einen weiteren Tag zu überleben, um noch ein weiteres Experiment durchzustehen. Wir weinten nicht, weil wir wussten, dass es nichts nützte. Das hatten wir in den ersten paar Tagen schon gelernt.
Ich erinnere mich, dass ich die ganze Zeit Hunger hatte. Ich musste jeden Abend eine wichtige Entscheidung treffen, wenn wir unsere Tagesration von wenig mehr als sechs Zentimeter Brot bekamen. An jedem Abend stellte ich mir die quälende Frage: "Soll ich das Brot heute Abend essen? Wenn ich es tue, dann muss ich morgen den ganzen Tag ohne etwas zu essen aushalten." Die Tage schienen sehr lang zu sein, und ohne Essen waren sie sogar noch länger. Wenn ich wach war, konnte ich den Hunger spüren - ein Stechen in meinem Magen, das den Schmerz durch meinen abgemagerten Körper jagte. Es war logisch, dass ich das Brot für den nächsten Tag aufheben sollte. Aber wenn ich es unter meinen Kopf legte, war es am nächsten Morgen weg - gestohlen oder von den Ratten gefressen.
Nach einer Injektion in Mengeles Labor wurde ich sehr krank. Ich versuchte diese Tatsache zu verheimlichen. Denn es ging das Gerücht um, dass keiner, der in die Krankenabteilung gebracht wurde, je zurückkehrte. Bei meinem nächsten Besuch im Labor wurde bei mir Fieber gemessen, und man brachte mich in die Krankenabteilung.
Am nächsten Tag schaute ein Team, bestehend aus Dr. Mengele und vier anderen Ärzten, meine Fieberkurve an und erklärte dann: "Schade, dass sie noch so jung ist. Sie hat nur noch zwei Wochen zu leben."
Ich war ganz allein. Die Ärzte wollten mir nicht helfen. Sie wollten, dass ich sterbe. Miriam war nicht bei mir. Ich vermisste sie so sehr. Sie war der einzige freundliche und liebe Mensch, an den ich mich anschmiegen konnte, wenn ich hungrig war, wenn mir kalt war oder wenn ich Angst hatte.
Ich weigerte mich, das Urteil anzunehmen. Ich weigerte mich zu sterben!!
Und fasste meinen zweiten stummen Entschluss: "Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um gesund und wieder mit meiner Schwester Miriam vereint zu werden."
In der Krankenhausbaracke erhielten wir kein Essen und keine Medikamente. Die Leute wurden in diese Baracke gebracht, um zu sterben oder auf einen Platz in der Gaskammer zu warten. Ich war sehr krank, geschüttelt vom Fieber, hing zwischen Leben und Tod. Ich erinnere mich daran, dass ich auf dem Boden der Baracke aufwachte. Ich kroch, weil ich nicht mehr laufen konnte. Ich wollte zu einem Wasserhahn am anderen Ende der Baracke. Dabei wurde ich immer wieder bewusstlos. Ich sagte mir immer wieder: "Ich muss überleben. Ich muss überleben."
Nach zwei Wochen war mein Fieber überwunden und ich begann mich kräftiger zu fühlen. Ich beschloss, mir einen Plan auszudenken, der eine allmähliche Besserung meines Zustands bringen sollte. Wenn also die so genannte Krankenschwester hereinkam, das Thermometer unter meinen Arm steckte und den Raum wieder verließ, nahm ich es jedes Mal heraus, las es ab, und wenn die Temperatur zu hoch war, schüttelte ich das Thermometer ein bisschen herunter. Dann steckte ich es wieder unter meinen Arm und ließ das Ende herausstehen. Nach drei Wochen zeigte ich normale Temperatur und konnte wieder zu Miriam. Was für ein glücklicher Tag!
Wäre ich gestorben, dann hätte Mengele Miriam mit einer Injektion ins Herz getötet und hätte an unseren Körpern vergleichende Autopsien vorgenommen. Auf diese Art starben die meisten der Zwillinge.
Dreimal in der Woche gingen wir in das Hauptlager von Auschwitz zu Experimenten. Diese dauerten sechs bis acht Stunden. Wir mussten nackt in einem Raum sitzen. Jeder Teil unseres Körpers wurde vermessen, betastet, mit Tabellen verglichen und fotografiert. Auf jede Bewegung wurde geachtet. Ich fühlte mich wie ein Tier in einem Käfig.
Dreimal in der Woche gingen wir ins Blutlabor. Dort wurden uns Keime und Chemikalien injiziert, und sie nahmen uns viel Blut ab.
Ich habe gesehen, wie einige Zwillinge ohnmächtig wurden, weil sie so große Mengen Blut verloren. Ich glaube, die Nazis wollten wissen, wie viel Blut ein Mensch verlieren kann, ehe er daran stirbt.
Die Experimente befanden sich in verschiedenen Stadien, und Mengele hatte einen unbegrenzten Vorrat an menschlichen Versuchs- kaninchen im Lager. Wenn ein Zwilling an den Folgen der Experimente starb, erhielt der andere Zwilling eine Phenol-Injektion ins Herz, und dann wurden an beiden Zwillingen vergleichende Autopsien vorgenommen. Wenn ein Zwillingspaar bei den Experimenten gestorben war, kam ein neues Zwillingspaar mit dem nächsten Transport, um das Paar zu ersetzen, das getötet worden war.
An einem verschneiten Tag, dem 27. Januar 1945, vier Tage vor meinem 11. Geburtstag, wurde Auschwitz von den Sowjets befreit, und wir waren frei. Wir waren am Leben. Wir hatten überlebt. Wir hatten über unglaublich Böses triumphiert.
Ich habe Ihnen meine Geschichte erzählt, weil es einige wichtige Lektionen daraus zu lernen gibt:
Ich, Eva Mozes Kor, eine Überlebende von Mengeles medizinischen Versuchen, habe gelernt, dass die Menschenrechte in der medizinischen Forschung ein Thema sind, mit dem man sich auseinander setzen muss. Den Ärzten und Wissenschaftlern unter Ihnen muss gratuliert werden. Sie haben einen wunderbaren und schwierigen Beruf gewählt: wunderbar, weil Sie Menschenleben retten und menschliches Leiden lindern können, aber ein schwieriger Beruf, weil Sie sich an einer Grenzlinie bewegen. Sie wurden ausgebildet, ein gutes Urteilsvermögen zu entwickeln, ruhig, bedacht und konzentriert zu sein, aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Sie es mit Menschen zu tun haben. Geben Sie also das moralische Versprechen, dass Sie nie und nimmer die Menschenrechte von irgend jemandem verletzen oder irgend jemandem seine Menschenwürde nehmen. Ich bitte Sie dringend, behandeln Sie Ihre Versuchspersonen und Patienten mit dem selben Respekt, den Sie an ihrer Stelle erwarten würden. Denken Sie daran, wenn Sie rein um der Wissenschaft willen und nicht für das Wohl der Menschheit forschen, haben Sie diese sehr schmale Grenzlinie bereits überschritten und Sie bewegen sich in Richtung auf die Nazi-Ärzte und die Dr. Mengeles dieser Welt zu. Medizinische Wissenschaft kann der Menschheit nutzen, aber medizinische Wissenschaft kann auch im Namen der Forschung missbraucht werden.
Wir treffen hier als frühere Gegner zusammen. Ich hoffe, wir gehen als Freunde auseinander.
Meine Landsleute, das jüdische Volk, sind arbeitsam, intelligent und fürsorglich. Mein Volk ist ein gutes Volk. Wir haben die Behandlung nicht verdient, die wir erhielten. Niemand verdient eine solche Behandlung.
Ihre Landsleute, das deutsche Volk, sind arbeitsam, intelligent und fürsorglich. Ihr Volk ist ein gutes Volk. Aber Sie hätten niemals zulassen dürfen, dass einer wie Hitler an die Macht kommen konnte.
Viel Schmerz tragen wir, das jüdische Volk, und Sie, das deutsche Volk, mit sich herum. Es hilft niemandem, wenn wir die Bürde der Vergangenheit tragen. Wir müssen lernen, uns selbst von den Tragödien des Holocaust zu heilen und unserem Volk zu helfen, seine schmerzenden Seelen zu heilen.
Ich möchte, dass Sie meinen abschließenden Akt der Heilung von den Schrecken vor 56 Jahren miterleben. Ich weiß sehr wohl, dass viele meiner Mit-Überlebenden meine Art der Heilung nicht nachempfinden, unterstützen oder verstehen werden. Es gibt vielleicht auf beiden Seiten Menschen, die mir böse sein werden. Das verstehe ich. Ich glaube aber, wir sollten nicht auf ewig weiter leiden. Auf diese Art und Weise habe ich mich selbst geheilt. Ich wage zu hoffen, dass es anderen Leuten auch helfen könnte.
Ich habe den Nazis vergeben. Ich habe allen vergeben. Bei den Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, während einer Zeremonie, bei der meine Kinder Alex und Rina sowie Freunde anwesend waren, traf ich mit einem Nazi-Arzt, Dr. Hans Münch, einem früheren SS-Arzt in Auschwitz, und mit seinen Kindern und seiner Enkelin zusammen.
Im Juli 1993 hatte ich einen Telefonanruf von Dr. Mihalchick vom Boston College bekommen. Er bat mich, einen Vortrag bei einer Konferenz über Nazi-Medizin zu halten. Dann fügte er hinzu: "Eva, es wäre nett, wenn Sie einen Nazi-Arzt mitbringen könnten." Ich sagte: "Dr. Mihalchick, wo soll ich einen Nazi-Arzt finden? Als ich zum letzten Mal nachsah, inserierten sie gerade nicht auf den Gelben Seiten." "Denken Sie darüber nach", sagte er.
1992 waren Miriam und ich Co-Berater für eine vom ZDF, einer deutschen Fernsehanstalt, gedrehten Dokumentation über die Mengele-Zwillinge gewesen. Bei dieser Dokumentation hatten sie einen Nazi-Arzt mit dem Namen Dr. Hans Münch interviewt.
Ich nahm Kontakt zum ZDF auf, um zu fragen, ob ich die Adresse und Telefonnummer von Dr. Münch haben könnte, zum Andenken an meine Schwester, die einen Monat zuvor gestorben war. Eine Stunde später hatte ich seine Adresse und Telefonnummer. Einer meiner Freunde, Tony Van Renterghem, ein holländischer Widerstandskämpfer, setzte sich mit Dr. Münch in Verbindung. Tony erreichte ihn am Telefon und rief dann mich an, um mir zu sagen: "Ja, er lebt, er ist bereit, Dir ein Interview auf Videofilm zu geben." Das war im Juli 1993. Im August war ich unterwegs, um mich mit Dr. Münch zu treffen.
Im August 1993 kam ich vor Dr. Münchs Haus an. Ich war sehr nervös. Ich fragte mich ständig: "Wie würde ich mich fühlen, wenn er mich wie ein Nichts behandelte - auf die Art, wie ich in Auschwitz behandelt wurde?" Dr. Münch begegnete mir jedoch mit äußerstem Respekt. Als wir uns zum Gespräch setzten, sagte ich zu ihm: "Hier sind Sie - ein Nazi-Arzt von Auschwitz - und hier bin ich - eine Überlebende von Auschwitz - und ich mag Sie, und das klingt für mich seltsam." Wir sprachen über viele Dinge. Ich fragte ihn, ob er vielleicht etwas über den Betrieb der Gaskammern wüsste. Und er sagte: "Das ist der Alptraum, mit dem ich lebe." Dann redete er weiter. Er erzählte mir vom Betrieb der Gaskammern und dass er, als die Menschen tot waren, die Totenscheine unterzeichnet hatte.
Ich dachte einen Augenblick darüber nach und dann sagte ich: "Dr. Münch, ich habe eine große Bitte an Sie: Könnten Sie bitte im Januar 1995 mit mir nach Auschwitz kommen, wenn wir den 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz begehen und in Gegenwart von Zeugen ein Dokument auf den Ruinen der Gaskammern unterzeichnen über das, was Sie mir erzählt haben?" Er stimmte zu. Ich fuhr heim, voller Zuversicht darüber, dass ich ein Dokument über die Gaskammern in Auschwitz erhalten würde - ein Dokument, das mir dabei helfen würde, den Revisionisten entgegen zu treten, die behaupten, dass es keine Gaskammern gegeben hätte.
Ich versuchte, mir einen Dank für Dr. Münch zu überlegen. Eines Tages fiel mir ein: "Wie wäre es mit einem Brief der Vergebung?" Mir war sofort klar, dass ihm das gefallen würde. Mir wurde auch bewusst, dass ich die Kraft hatte, zu vergeben. NIEMAND konnte mir diese Kraft geben, und NIEMAND konnte sie mir wegnehmen.
Ich begann, den Brief an Dr. Münch zu schreiben. Freunde, die sich mit der Rechtschreibung besser auskennen als ich, trafen sich mit mir, um den Brief zu korrigieren. Einer von ihnen stellte mir plötzlich die Frage: "Wärst Du auch bereit, Dr. Mengele zu vergeben?" Das war eine interessante Frage. Ich dachte darüber nach und kam zu dem Ergebnis, dass ich es könnte. Nun, wenn ich Dr. Mengele vergab, könnte ich genauso gut jedem verzeihen. Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich tat. Ich wusste nur, dass ich mich dadurch innerlich gut fühlte, dass ich die Kraft dazu hatte. Im Januar 1995 kamen meine Kinder, Alex und Rina, meine Freunde und ich, und Dr. Münch mit seinen Kindern und seiner Enkelin nach Auschwitz.
Am 27. Januar 1995 standen wir neben den Ruinen einer Gaskammer. Dr. Münchs Dokument wurde vorgelesen, und er unterschrieb es. Ich verlas meine Amnestie-Deklaration und unterschrieb sie dann. Ich fühlte, wie eine Bürde des Schmerzes von meinen Schultern genommen wurde. Ich war nicht länger ein Opfer von Auschwitz. Ich war nicht länger eine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit. Ich war endlich frei. Deshalb sage ich allen:
"VERGEBT EUREM ÄRGSTEN FEIND. DAS WIRD EURE SEELE HEILEN UND EUCH DIE FREIHEIT SCHENKEN."
An dem Tag, an dem ich den Nazis vergab, verzieh ich meinen Eltern, dass sie mich nicht vor diesem Schicksal in Auschwitz bewahrt hatten, und ich vergab mir auch selbst, dass ich meine Eltern hasste.
Meine Vorstellungen, wie man die Schmerzen der Vergangenheit heilen kann, sind anders als die der meisten Opfer. Meiner Ansicht nach tragen die meisten Regierungen und Staatschefs der Welt schwer an dem Versuch, der Welt den Frieden zu bewahren. Meiner Meinung nach ist ihnen das jämmerlich missglückt, weil sie die Überlebenden von Tragödien wie dem Holocaust nicht aufgefordert, nicht ermutigt und es ihnen nicht erleichtert haben, ihren Feinden zu vergeben, was einen Akt der Selbstheilung darstellt.
Die meisten Regierungen und Staatschefs der Welt empfehlen und unterstützen nur eine Sache - GERECHTIGKEIT. Gerechtigkeit existiert nicht, und durch ihre Forderung nach Gerechtigkeit verdammen sie die Opfer zu lebenslänglichem Leiden.
Lassen Sie uns ein mögliches Vorgehen untersuchen, das die Dinge sowohl für die Opfer als auch für die Täter hätte verändern können.
Alle Nazi-Verbrecher wären ermutigt worden, sich zu stellen und sich zu den von ihnen begangenen Verbrechen zu bekennen, als Gegenleistung für ihre Freiheit. Die Verbrecher oder Täter müssten außerdem fünf bis zehn Jahre lang eine finanzielle Wiedergutmachung leisten, und diese Gelder kämen in einen besonderen Versöhnungsfonds, um den Opfern dabei zu helfen, ihr Leben neu aufzubauen. Die Opfer könnten als Zeugen aussagen, wenn sie es wollten.
Die Aussagen der Täter würden die Leiden der Opfer bestätigen.
So wie es heute aussieht, habe ich immer noch nicht verstanden, was uns angetan wurde. Aber Mengele hätte dieses Problem lösen können, wenn er ausgesagt hätte. Sowohl die Opfer als auch die Täter hätten - durch die Verbalisierung ihrer schmerzlichen Erinnerungen - sofort den Heilungsprozess einleiten können.
Doch war es so, dass die Opfer schwiegen und litten. Die Täter schwiegen, litten und versteckten sich. Die Opfer krümmten sich vor Schmerzen. Die Täter krümmten sich vor Schmerzen, vor Scham und vor Angst, sie könnten erwischt werden. Zu all dem kam noch die Tragödie dazu, dass die Opfer ihren Kindern ein Erbe aus Schmerz, Angst und Wut weitergaben. Auch die Täter gaben an ihre Kinder ein Erbe aus Schmerz, Scham und Angst weiter.
Wie können wir eine gesunde, friedliche Welt gestalten, solange all diese schmerzhaften Vermächtnisse unter der Oberfläche weiter wirken?
Ich sehe eine Welt, in der die Staatschefs durch Gesetzgebung den Akt der Vergebung, Amnestie und Versöhnung empfehlen und unterstützen - anstelle von Gerechtigkeit und Rachsucht.
Wir haben in Bosnien, im Kosovo und in Ruanda gesehen, dass die Opfer zu Tätern und die Täter zu Opfern geworden sind.
Lassen Sie uns etwas Neues ausprobieren, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen.
Ich möchte meinen Vortrag mit der Aussage schließen, dass ich hoffe, dass diese mutige Geste von Dr. Markl und der Max-Planck-Gesellschaft für die Welt zu einem Beispiel wird, wie wir lernen könnten, mit der Vergangenheit zurecht zu kommen. Wie einer meiner deutschen Freunde gesagt hat: "Warum können Dein Volk und mein Volk nicht Freunde sein?"
Ich möchte auch Dr. Benno Müller-Hill für seine Jahre der Freundschaft und seinen Einsatz danken, dass diese symbolische Entschuldigung zustande gekommen ist.
Ich möchte auch noch ein Zitat aus meiner Amnestie-Deklaration anfügen:
"Ich hoffe, der Welt wenigstens im Kleinen eine Botschaft der Vergebung zu vermitteln, eine Botschaft des Friedens, eine Botschaft der Hoffnung, eine Botschaft der Heilung.
Sorgen Sie dafür, dass es NIE WIEDER KRIEGE GIBT; NIE WIEDER EXPERIMENTE OHNE VORHERIGE AUFKLÄRUNG UND ZUSTIMMUNG DER BETROFFENEN, NIE WIEDER GASKAMMERN, NIE WIEDER BOMBEN, NIE WIEDER HASS, NIE WIEDER TÖTEN, NIE WIEDER SO ETWAS WIE AUSCHWITZ."
Danke.
12. Juni 2001 (c) ZEIT.DE
Mit freundlicher Genehmigung von: DIE ZEIT - Nachdrucke / www.zeit.de

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